Die Zeit rennt und wir rennen mit

„Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.„

– G.Orwell

In meinem Alltag ist nicht selten die Uhr das Symbol für Fristen und Termine. Manchmal versinke ich am Abend regelrecht im Sofakissen. Bin zu müde für Entspannung, zu schlapp für Kreativität, selbst zu erledigt fürs Nichtstun. Einfach nur alle. Seltsamerweise tauchen an diesen besonderen Tagen manchmal Bilder auf. Ich suche sie nicht bewusst. Sie poppen ab und an unverhofft auf. Klitzekleine Momente, Erinnerungen an ein Gefühl, einen Geruch aus längst vergangener Zeit. Sie leuchten für einen Wimpernschlag auf.

Mama vor dem Ausgehen die Haarspraydose schwingend… Ich, im Schlafzimmer meiner Eltern. Die Shirts von Mama heimlich vor dem Spiegel anprobierend. Stolz und voller unbändiger Ungeduld aufs Erwachsensein.


PAPIER

Es gibt für mich kaum einen intensiveren Geruch als frisch gedrucktes Papier.

Neue Bücher, die einzelnen Blätter fächernd und tief inhalierend…

Selbst heute erwische ich mich in Buchhandlungen und Bibliotheken dabei, die Nase tief in die Seiten steckend und die Zeitreise beginnt .... Allein der Geruch weckt die Erinnerung an unbeschwertes Glück, an die Selbstverständlichkeit der natürlich kindlichen Wahrnehmung.

Einfach sein. Ohne Angst, ohne Sorgen. In der Gewissheit vollkommen beschützt zu sein.



OMAS KÜCHE


Knoblauchsuppe kochend. Wenige simple Zutaten ergaben die köstlichste Suppe der Welt. Sie das trockene Brot tunkend mit einem zarten Knoblauchdunst auf Haut und Haar.

Abende beim Kerzenschein. Sie Märchen erzählend. Während wir, die Enkel, um sie versammelt durch zartes Streicheln ihrer Haut, das Flechten ihres Haars DAS zurückgeben durften, was ihr gut tat – Berührung, Liebe und Wärme.






Erst später, als ich größer wurde, erfuhr ich, dass Menschen den Körperkontakt sogar dringend brauchen. Merkte, dass sich der Umgang mit diesem Grundbedürfnis mit der Zeit verändert hat. Beobachtete die Scham vorbehaltlos zu Berühren. Älteren Menschen liebevolle körperliche Zuneigung zu schenken geht in schnellen Zeiten unter. Der nächste Termin naht, die Uhr tickt…


DER GLAUBE AN WUNDER

DIE ABENDE im Bett, als ich mit den Fingerspitzen an meinem Haar glitt und Gott bis 10 zählend Alles versprach. Er möge BITTE mein kurzes, strohiges Haar lang wachsen lassen. Für hunderte Gebete versprach ich im Tausch ewige Besserung.


Faszinierend, wie intensiv diese Erinnerung im Gedächtnis blieb. Ich war 9 Jahre alt.

Warum all diese Erinnerungen aufpoppen, wenn ich so richtig erledigt bin? Ich habe bisher keine Erklärung. Aber ich bin dankbar. Weil sie mich daran erinnern, was wirklich wichtig ist.



DIE WELT IST BESCHÄFTIGT


Wir verbringen heute im Durchschnitt:

  • 23,80 Jahre mit Schlafen

  • 12,40 Jahre vor dem Fernseher ( in den USA liegen die Schätzungen bei 20,1 Jahren!)

  • 11,75 Jahre arbeiten wir

  • 4,75 Jahre sind wir am kochen, kauen und essen